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Von der tickenden Zeitbombe zum zweiten Leben

Myriam
vor 4 Tagen
4 Min. Lesezeit

Aktualisiert: vor 17 Stunden


Myriam lebte 25 Jahre lang mit einer chronischen Blutarmut. Eine Blutstammzelltransplantation schenkte ihr die Chance auf ein neues Leben. Die Freiburgerin ist eine Kämpferin, Optimistin und Frohnatur. Hier erzählt sie ihre bewegende Geschichte.

 

Mit zwölf Jahren erhielt ich eine Diagnose, die mein Leben für immer verändern sollte: «Aplastische Anämie». Mein Körper bildete zu wenig Blutzellen, was zu einer starken, chronischen Blutarmut führte. Bei schlechten Blutwerten waren oft Spitalaufenthalte nötig, aber ich kämpfte mich bisher jedes Mal durch und lernte das Leben trotz Krankheit zu geniessen. Kraft fand ich auf meinen zahlreichen Reisen und Ausflügen, beim Fotografieren oder im Kreis meiner Familie und Freunde.

 

Eine Frage der Zeit

25 Jahre lang lebte ich mit der Krankheit, hatte viele Auf und Abs, aber irgendwie hatte ich immer die Kurve gekriegt. Immer, bis im April 2021. Damals sanken meine Blutwerte drastisch. Bei einer Knochenmarkpunktion fanden die Ärzte neue Zellen mit hohem Entartungsrisiko. Mein Arzt blickte mich an und sagte: «Sie sind eine tickende Zeitbombe.» Diese Worte haben sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt. Das Risiko war gross, dass ich an einer akuten Leukämie erkranken werde, es war nur eine Frage der Zeit. Dies war für mich der ausschlaggebende Zeitpunkt, als ich mich für eine Knochenmarktransplantation entschied.

 

Spendersuche: Zwischen Hoffnung und Ungewissheit

Anfangs Juni 2021 wurde die Spendersuche aufgenommen. Es kam mir alles so unwirklich vor. Nachdem ich 25 Jahre lang gelernt hatte, mit der Krankheit zu leben und das Leben trotzdem zu geniessen, hiess es plötzlich, dass eine Transplantation die einzige Chance auf Heilung sei. Das war schon ein Schock.

 

Nach etwa drei Monaten Bangen und Warten kam dann der positive Bescheid, dass man einen Spender für mich gefunden hat. Darauf musste natürlich erst einmal mit einem «Cüpli» angestossen werden.

 

Die Reise in mein neues Leben

Mitte November 2021 trat ich mit gepacktem Koffer im Universitätsspital Basel die Reise in mein neues Leben an. 33 Tage verbrachte ich in einem Isolationszimmer, gut geschützt vor jeglichen Viren und Bakterien. Aber leider auch ohne Frischluft und mit nur wenigen Kontakten zur Aussenwelt. Nach zahlreichen Voruntersuchungen und Vorbereitungen folgte eine 8-tägige Chemo- und Antikörpertherapie, in der das Immunsystem auf 0 gesetzt und der Körper so auf die Spenderzellen vorbereitet wurde. Am 30.11.2021 bekam ich dann meine Spenderzellen in Form von Vollmark. Anders als bei den meisten Spenden wurde dieses direkt aus dem Knochenmark meines Spenders entnommen. Dadurch sollte mein Risiko für Abstossungsreaktionen geringer sein. Der Vorgang der Transplantation ging etwa vier Stunden und erfolgte recht unspektakulär über einen Infusionsbeutel.

 

Doch auch wenn der medizinische Ablauf schlicht war, war der Moment, in dem mein neues Leben in mich hineinfloss, unglaublich emotional und tief berührend.

 

In den folgenden Tagen hiess es abwarten, bis die eigene Produktion und das Zellwachstum beginnen. Die Zeit im Spital war einerseits geprägt von Kontrollverlust, Zweifel und Angst, aber andererseits auch von Vorfreude auf ein neues Leben, von guten Gesprächen und von Hilfsbereitschaft und Fürsorge, welche ich von meiner Familie, meinen Freunden und dem Pflegepersonal erhielt.

 

Ich hielt mir stets vor Augen: Mein Leben ist ein dickes Buch, und das letzte Kapitel ist noch lange nicht geschrieben.

 

Kurz vor Weihnachten 2021 konnte ich dann das Spital verlassen und nach Hause zurückkehren.

 

Die Dankbarkeit, die ich für meinen Spender empfinde, lässt sich kaum in Worte fassen. Er hat mir ein zweites Leben geschenkt – und meinen zweiten Geburtstag feiere ich jedes Jahr als besonderen Tag, an dem ich ganz bewusst an ihn und dieses grosse Geschenk denke.

 

Der Weg zurück

Die Zeit nach der Transplantation war kein Spaziergang. In den ersten Tagen zu Hause schaffte ich nur kurze Spaziergänge von etwa zwanzig Minuten und war im Alltag auf Unterstützung angewiesen. Schritt für Schritt baute ich meine Muskeln und Kondition wieder auf, ging jeden Tag ein wenig weiter und spürte langsam, wie die Kraft zurückkehrte. Auch meine Blutwerte erholten sich und lagen teilweise sogar wieder im Normbereich. Im Juli 2022 konnte ich mit einem kleinen Pensum wieder in den Arbeitsalltag einsteigen.

 

Jeder kleine Fortschritt fühlte sich wie ein Sieg an. Ein längerer Spaziergang, ein Arbeitstag, ein Ausflug mit Freunden. Dinge, die früher selbstverständlich waren, wurden plötzlich wieder zu besonderen Momenten.

 

Doch der Weg blieb herausfordernd: Im September sanken meine Thrombozyten erneut. Eine Knochenmarkpunktion zeigte zwar, dass im Knochenmark alles in Ordnung war, aber eine Autoimmunreaktion zerstörte meine Blutplättchen. Eine weitere Antikörpertherapie wurde nötig, um diese Reaktion aufzuhalten. Der Kampf ging also weiter.

 

Trotz allem hielt ich an meinem Ziel fest: wieder reisen, mein Leben geniessen, meinen Alltag zurückerobern. Und mit diesem Ziel vor Augen wusste ich, dass ich auch diese Hürde schaffen würde.

 

Weitergehen und weitergeben

Auch Jahre nach der Transplantation gibt es weiterhin Höhen und Tiefen. Ich bin dankbar dafür, dass ich wieder reisen kann, Ausflüge in die Natur mache und Zeit mit meinen Liebsten geniessen darf.

 

Gleichzeitig ist mein Körper nach wie vor nicht so leistungsfähig, wie ich es mir wünschen würde: Chronische Schmerzen und Fatigue gehören zu meinem Alltag, und regelmässige Vorsorgeuntersuchungen im Spital sind weiterhin ein fester Bestandteil meines Lebens. Trotzdem kann ich wieder in einem Teilzeitpensum arbeiten und Dinge unternehmen, die mir guttun und mir Freude schenken. Ich habe mir fest vorgenommen, nichts mehr aufzuschieben – und lebe nach dem Motto: «Irgendwann ist jetzt.»

 

Ich habe ein Buch über meine Geschichte geschrieben. Es soll Betroffenen Mut machen und gleichzeitig Menschen, die gesund sind, zeigen, wie einfach es ist, sich als potenzielle Stammzellspenderin oder als potenzieller Stammzellspender zu registrieren und damit Hoffnung zu schenken.

 

Zudem durfte ich bei verschiedenen Projekten mitwirken, die sich für die Blutstammzellspende engagieren – vom Podcast «Härzschlag» über ein Video der Blutspende SRK Schweiz bis hin zur Puls‑Sendung «Letzte Hoffnung Stammzellspende» vom 12. Oktober 2026. All diese Beiträge sind für mich Wege, etwas weiterzugeben – aus Dankbarkeit, aus Überzeugung und aus dem tiefen Wunsch heraus, dass noch viele Menschen die Chance auf ein zweites Leben erhalten.

 

Mein Spender hat mir ein zweites Leben geschenkt. Deshalb engagiere ich mich heute dafür, dass auch andere Menschen diese Chance erhalten. Denn manchmal beginnt ein zweites Leben mit einer einzigen Registrierung.

 

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